Home  |  Autorin  |  Webdesign

Buchblogger.de

Home  |  Blog  |  Werkstatt  |  Kurzgeschichten  |  Kuechenzeilen  |  Muttertag  |  Sitemap  |  Profil  |  Mail  |  Impressum

« textjobs.de | » Wie schreibt man ein Buch?

Wie ich einmal an einem Autoren-Workshop teilnahm

Lange ist es her, da nahm ich an einem Autoren-Workshop teil, zu dem man mich eingeladen hatte. So was passiert, nehme ich an. Ich habe trotz mehrerer Nachfragen auch nie wirklich begriffen, was sie eigentlich von mir erwartet haben, aber ich machte (damals) einfach mit. Es war ein Workshop-Wochenende in einem schlecht geheizten Hotel und es gab zu wenig Trinkwasser und seltsamen Tee. Man musste es auch als eingeladener Gast bezahlen. Papier sollte man selbst mitbringen, Stifte auch.

Wir redeten, dann wurde geschrieben, dann wurde geredet. Es war alles sehr ernst und hat einen großen Eindruck auf mich gemacht.

Katja zum Beispiel verfasste konsequent diese Art von Kurzgeschichten, in der Wimpern sehr kurz oder mindestens strohig waren und die Menschen nicht nur bemerkenswerte Individuen, sondern ausgesprochen verschroben-originell. Hunde gab es nur in alt, halbblind und mottenzerfressen, Frauen benahmen sich merk- bis fragwürdig und Männer spuckten oder pissten oder Schlimmeres, obwohl es gerade gar nicht passte. Man hatte immer das Gefühl, genau so eine Geschichte schon mal gelesen zu haben, ohne zu wissen wo. Beiläufiger Geschlechtsverkehr kam auch oft vor, doch der zog sich eigentlich durch alle präsentierten Werke.

Momentaufnahmen aus der verächtlichen Beobachterperspektive. Kunst, das hätte dort niemand anzuzweifeln gewagt. Am Ende murmelten stets einige der Zuhörer anerkennend und sagten, sie hätten auch mal einen gekannt, der so einen Anorak hatte oder so einen Hund.

Nicht alle reagierten wie wohlwollende Konsumenten. Manche begannen auch sofort damit, den Text zu töten und die zerrupften Stücke rundherum auf den Tisch zu tackern, so dass man die Handlung vergaß und trübe auf einzelne Sätze starrte, die sich vorher irgendwie in eine Geschichte eingefügt hatten, die aus mehr Beschreibungen als Handlung bestand. Sehr anstrengend. Ich sagte nicht so viel an diesem Wochenende. Dietmar wälzte sich besonders gerne über fremde Texte, man konnte ihm bei den letzten fünf Sätzen schon ansehen, dass er innerlich Anlauf nahm. Man merkte, dass es sich um den letzten Abschnitt handelte, weil Katja dann eilig, aber mit tieferer Stimme las und den Text so enden ließ, als würden sich drei einzelne Punkte am Blatt entlang verlaufen. Auch wenn dort eigentlich ein Ausrufezeichen stand.

Dietmar sah sich selbst irgendwo zwischen Heiner Müller und Bukowski - eine Sichtweise, die außer Dorothea wahrscheinlich kaum jemand teilte, obwohl seine Texte sich ganz viel mit Bukowski und Heiner Müller beschäftigten und damit, wie es ihnen gehen würde, wenn sie in einer Altherren-WG hausen und sehr viel trinken würden. Man hatte immer das Gefühl, genau solche Texte mit genau solchen Gestalten schon irgendwo gelesen zu haben, nur wo? Dorothea wiederum stickte Haikus unten auf ihr T-Shirt und stopfte dann das Bündchen in die Hose, so dass ich immer wieder lange nachdenken musste, wie der letzte Teil wohl ausging.

Es war nicht ihr eigenes Haiku, sie hatte es irgendwo abgeschrieben. Dorothea gehörte meiner Vermutung nach zu Dietmars Handgepäck und ich glaubte, dass sie irgendwann als Frau eines Teilzeitpoeten kleine Dietmars großziehen und behausfrauen würde. Sticken konnte sie gut.

Jetzt, wo ich es aufschreibe, bin ich eigentlich erstaunt darüber, dass man in den Medien noch immer nichts von Dietmar gehört hat. Er hat schließlich oft genug erwähnt, dass für den Durchbruch nur noch Pressearbeit fehlen würde, und daran kann es ja wohl nicht wirklich gescheitert sein.

Die Namen der anderen weiß ich nicht mehr. Der mit den fettigen Haaren schrieb über Wurstwaren: Wie er als Pubertierender sein Geschlechtsteil zwischen grobe Mettwürste gepresst hätte und wie seine erotische Beziehung dann endete, als er feststellte, dass sein Erlebnis anregender wurde ohne Pelle, aber die Wurst nicht wirklich frischer. Er erntete genau die amüsierten und Verlegenheitslacher, auf die sein Text zielte und sah trotzdem nicht zufrieden aus. Einen ähnlichen Text hatte ich schon mal gelesen, aber mir fiel nicht mehr ein, wo das gewesen war. Das dünne rothaarige Mädchen las und schrieb über jemanden mit braunen Augen und sah sehr blass aus dabei und ziemlich ehrgeizig.

Als ich drankam, konnte ich meinen Text nicht vorlesen. Ich hatte darüber geschrieben, wie der Autoren-Workshop doch dieser violetten Pustel an Dietmars linker äußerer Nasenwand glich. Wie man diesen starken Drang verspürte, einfach rüberzugehen und sie gewaltsam auszupressen, damit verhärteter Talg und glibbernder Eiter ihr anschwellendes Gefängnis verlassen und ihrer Wege gehen konnten, wobei sie nichts als einen mit Blut und Blutplasma gefüllten Krater mit eventuell noch einem Härchen in der Mitte zurücklassen würden. Der sich bis zum nächsten Tag wieder gefüllt haben würde, beim zweiten Anlauf aber viel besser auszudrücken sein würde, der Eiter viel weniger explosiv und ohne gefestigten Talgstrang darunter, der sich erst noch einen Weg durch das entzündete Gewebe bahnen musste.

Das wäre dann zwar immer noch ein entzündeter Pickel, aber schon wesentlich kleiner mit Heilung und Normalität in Aussicht. Vielleicht musste man noch nachsehen, ob irgendwo in der Umkrustung einzelne Härchen wuchsen. Die musste man dann ausrupfen, damit die Pustel sich nicht sofort erneuerte. So weit war ich in meiner Beschreibung des Autoren-Workshops gekommen, als ich begriff, dass ich das nicht vorlesen konnte.

Es sei denn, ich würde wirklich sehr viel über Literatur und Bedeutsamkeiten und die Wichtigkeit von Workshops für Autoren reden wollen mit mehreren sehr beleidigten Menschen. Das wollte ich aber nicht.

Wie gesagt, das hat alles einen großen Eindruck auf mich gemacht: Nie vorher wusste ich so genau, was ich alles nicht will.

  melody am 25.01.2006 | » Unterhaltung | (2) Trackbacks
Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.

Kommentare:

 

:-) Herrlich!

Sowas Ähnliches hatte ich auch mal, und es bedarf mit Sicherheit keiner Wiederholung. Nein, wirklich nicht.

Petra am 01/26 um 11:03 AM
________________


Teil_zeit_Poet
ich brech zusammen

willst du mich heiraten?

Roli am 01/26 um 11:35 AM
________________


 


Seite 1 von 1

 


Powered by ExpressionEngine